Programm 2015

9. Dezember 2015
  1. 20:40
    RELOVED - Spartacus & Cassandra
    Odf 81' | Frankreich 2014 | Ioanis Nuguet | Dok

    Zwei Kinder stehen vor der schwierigsten Entscheidung ihres noch so jungen Lebens: Entweder sie leben gemeinsam mit ihrer Roma-Familie auf der Strasse und werden vielleicht nach Rumänien zurückgeschickt oder sie entscheiden sich für ein materiell gesichertes Leben in Frankreich. Unter Obhut der jungen Zirkusartistin Camille, die den 13jährigen Spartacus und die 10jährige Cassandra ins Herz geschlossen hat, erhielten sie dank staatlicher Unterstützung eine gute Schulbildung und könnten in einem grossen Haus leben, allerdings getrennt von ihren Eltern. Diese sind gefangen in einer Abwärtsspirale aus Alkoholismus, Depression und Handlungsunfähigkeit. Trotzdem fällt es den Kindern schwer, sich von ihren Erzeugern abzunabeln. Der Film von Ioanis Nuguet ermöglicht einen tiefen Einblick in die Irrungen und Wirrungen des französischen Sozial- und Justizsystems. Auf der Tonebene, geführt von Spartacus’ Erzählstimme, wird der Schwebezustand und die psychologische Zerrissenheit der Kinder erfahrbar gemacht und in eine poetische, flirrende Bildsprache übersetzt. Neben der persönlichen Geschichte der Roma-Familie stellt das berührende Filmjuwel auch universelle Fragen zur schmerzlichen Ablösung von Eltern und Herkunft. (sb)

    «Spartacus & Cassandra eröffnete 2015 das erste HRFF Zurich. Damals noch Kinder, sind die Titelheld:innen mittlerweile erwachsen und die Doku wird zu einer ergreifenden Home Movie-Rückblende.» (Sascha Bleuler)

    RE-LOVED Es gibt einige Filme, die wir in den letzten Jahren gezeigt haben, die uns nie losgelassen haben. Sie haben uns berührt, durchgeschüttelt, aufgeweckt und verdienen es – damals wie heute – auf der grossen Leinwand zugänglich gemacht zu werden: We proudly present: RE-LOVED – drei unvergessliche Filme vergangener Festivalausgaben.

    Begrüssungsworte von Sascha Lara Bleuler, Direktorin Human Rights Film Festival Zurich (HRFF) und Leo Kaneman, Ehrenpräsident / Gründer FIFDH Genf und Präsident HRFF Zurich.

10. Dezember 2015
  1. 09:30
    Difret - Das Mädchen Hirut
    OV/df 104' | Äthiopien 2014 | Zeresenay Berhane Mehari | Spielfilm

    Das junge Mädchen Hirut wird auf dem Schulweg von einem Mann und seinen Freunden gekidnappt. Er will sie gemäss einer alten äthiopischen Tradition zur Frau nehmen. Hirut wehrt sich und flieht bei der ersten Gelegenheit mit seinem Gewehr. Als die Männer sie verfolgen, erschiesst sie ihren Peiniger aus Notwehr und wird danach wegen Mordes angeklagt. Um das Leben des Mädchens zu retten, muss die Anwältin Meaza Ashenafi den schwierigen Kampf gegen die alte Tradition des Brautklaus aufnehmen. Für die Rechte der Frauen und Kinder in ihrem Land legt sie sich mit den obersten Justitzbehörden an. Der Spielfilm beruht auf wahren Begebenheiten und wurde von der UN-Botschafterin Angelina Jolie mitproduziert.

    Im Anschluss: Gespräch mit den Filmemachern und Darstellern

  2. 13:30
    Der Junge Siyar
    OV/d 105' | Norwegen, DE 2014 | Hisham Zaman | Spielfilm

    Der Teenager Siyar lebt in einem kleinen kurdischen Dorf im Nordirak. Seit dem Tod seines Vaters muss er als Familienoberhaupt die Entscheidungen treffen. Als seine ältere Schwester einen Mann heiraten soll, verschwindet sie kurz vor der Heirat. Siyar muss das Ansehen seiner Familie retten und begibt sich auf der Suche nach seiner Schwester auf eine abenteuerliche Odyssee durch Europa. In Istanbul lernt er das Straßenmädchen Evin kennen und nimmt sie auf seine Reise mit. Langsam beginnt er, an seiner Mission zu zweifeln. Spannend wie ein Thriller thematisiert der Film die Herausforderungen der jungen Menschen in traditionellen Gesellschaften. Der erste lange Spielfilm des in Norwegen lebenden kurdischen Regisseurs Hisham Zaman erhielt mehrere internationale Preise.

    Im Anschluss: Gespräch mit den Filmemachern und Darstellern

  3. 18:30
    Köpek
    OV/d 98' | Schweiz, Türkei 2015 | Esen Isik | Spielfilm

    Ein ganz gewöhnlicher Tag von drei Bewohnern in der Metropole Istanbul: Der zehnjährige Cemo verehrt ein junges Mädchen aus einem besseren Quartier. Er verkauft Papiertaschentücher auf der Strasse und trägt somit zum Lebensunterhalt seiner Familie bei. Die unglücklich verheiratete Hayat wird von ihrem Ehemann terrorisiert. Als ihr ehemaliger Verlobter den Kontakt wieder sucht, verabreden sie sich zu einem heimlichen Treffen. Und die transsexuelle Ebru muss sich prostituieren, um über die Runden zu kommen. Sie liebt einen Mann, der sich in der Öffentlichkeit nicht zu ihr bekennen mag. Die drei Hauptfiguren des Films setzen alles daran, dass sich ihre Sehnsucht nach Liebe erfüllt, wenn auch nur für einen Moment.

    Authentisch und mit einem aufmerksamen Blick für die Poesie des Alltags erzählt Esen Isiks erster langer Spielfilm eine zärtliche und erschütternde Geschichte über die Liebe, den Tod und die türkische Gesellschaft zu Beginn des 21. Jahrhunderts. Der türkisch-schweizerischen Regisseurin gelingt ein gleichsam beklemmendes wie berührendes Zeitdokument der Millionenstadt, die sich trotz emanzipatorischen Zügen noch tief in patriarchalischen Zwängen gefangen sieht und deren Kampf zwischen Moderne und Tradition immer wieder neue Identitätsfragen aufwirft.

    Im Anschluss: Gespräch mit der Filmemacherin Esen Isik und der türkischen Transaktivistin Zeynep Esmeray Özatik

    Moderation: Alexandra Karle, Amnesty International Schweiz

  4. 19:00
    Io sto con la Sposa
    OV/d 89' | Palästina, IL | Antonio Augugliaro, Gabriele Del Grande, Khaled Soliman Al Nassiry | Dok

    Fünf syrische und palästinensische Flüchtlinge erreichen nach einer lebensgefährlichen Reise übers Mittelmeer die italienische Insel Lampedusa. Hilfe für die Gestrandeten kommt von ungeahnter Seite: Ein palästinensischer Dichter und zwei italienische Journalisten hecken für sie einen ungewöhnlichen Schlachtplan aus. Um sie nach Schweden zu bringen, wo sich die Flüchtlinge die besten Chancen auf politisches Asyl erhoffen, verkleiden sie diese als feierliche Hochzeitsgesellschaft. Mit einer Palästinenserin als Braut, einem Syrer als Bräutigam und einem Dutzend italienischer und syrischer «Hochzeitsgäste» wagen sie die 3000 Kilometer lange Reise durch Europa. Das an jedem Grenzübergang mit Suspense aufgeladene Roadmovie schlägt trotz heiteren und visuell grandiosen Szenen immer wieder ernste Töne an: Die Reisenden erzählen in stillen Momenten der Rast oder während der nächtlichen Fahrt von ihren unterschiedlichen Schicksalen. Sie alle sind auf ganz eigene Art Verfolgte und Geduldete – mit nicht viel mehr im Gepäck als der Hoffnung, von Europa aufgenommen zu werden und dass die Alpträume Zukunftsvisionen weichen werden. (slb)

    Begrüssungsworte von einem Vertreter des Eidgenössischen Departements für auswärtige Angelegenheiten (EDA)

    Im Rahmen jeder Festivalausgabe findet ein Themenabend in Zusammenarbeit mit den beiden Partner-Festivals FIFDH Genève und Festival Diritti Umani Lugano statt. Dieses Jahr drängt sich die Flüchtlings- und Migrationsfrage mit all ihrer Komplexität im Zusammenhang mit Menschenrechten und Menschenwürde in den Mittelpunkt. Jedes Festival zeigt einen Film, der die Dringlichkeit dieser Thematik erfahrbar machen soll. Am 10. Dezember, am internationalen «Tag der Menschenrechte» zeigen wir – in Zusammenarbeit mit dem Eidgenössischen Departement für auswärtige Angelegenheiten (EDA) und Médecins Sans Frontières / Ärzte ohne Grenzen (MSF) – ein ungewöhnliches Roadmovie: «On the Bride’s Side» von Antonio Augugliaro u.a., welches trotz der ernsten Geschichten der syrischen und palästinensischen Protagonisten auch vergnügliche Töne anschlägt. Im Anschluss an den Film folgt eine Debatte zu Migrations- und Flüchtlingsfragen.

    Im Anschluss: Debatte zu Migrations- und Flüchtlingsfragen mit Antonio Augugliaro, François Crépeau (UNO Sonderberichter- statter für Menschenrechte von Migranten) und Gustavo Fernandez, Médecins Sans Frontières / Ärzte ohne Grenzen (MSF), Moderation: Christoph Keller, SRF2Kultur.

11. Dezember 2015
  1. 09:30
    RELOVED - Spartacus & Cassandra
    Odf 81' | Frankreich 2014 | Ioanis Nuguet | Dok

    Zwei Kinder stehen vor der schwierigsten Entscheidung ihres noch so jungen Lebens: Entweder sie leben gemeinsam mit ihrer Roma-Familie auf der Strasse und werden vielleicht nach Rumänien zurückgeschickt oder sie entscheiden sich für ein materiell gesichertes Leben in Frankreich. Unter Obhut der jungen Zirkusartistin Camille, die den 13jährigen Spartacus und die 10jährige Cassandra ins Herz geschlossen hat, erhielten sie dank staatlicher Unterstützung eine gute Schulbildung und könnten in einem grossen Haus leben, allerdings getrennt von ihren Eltern. Diese sind gefangen in einer Abwärtsspirale aus Alkoholismus, Depression und Handlungsunfähigkeit. Trotzdem fällt es den Kindern schwer, sich von ihren Erzeugern abzunabeln. Der Film von Ioanis Nuguet ermöglicht einen tiefen Einblick in die Irrungen und Wirrungen des französischen Sozial- und Justizsystems. Auf der Tonebene, geführt von Spartacus’ Erzählstimme, wird der Schwebezustand und die psychologische Zerrissenheit der Kinder erfahrbar gemacht und in eine poetische, flirrende Bildsprache übersetzt. Neben der persönlichen Geschichte der Roma-Familie stellt das berührende Filmjuwel auch universelle Fragen zur schmerzlichen Ablösung von Eltern und Herkunft. (sb)

    «Spartacus & Cassandra eröffnete 2015 das erste HRFF Zurich. Damals noch Kinder, sind die Titelheld:innen mittlerweile erwachsen und die Doku wird zu einer ergreifenden Home Movie-Rückblende.» (Sascha Bleuler)

    RE-LOVED Es gibt einige Filme, die wir in den letzten Jahren gezeigt haben, die uns nie losgelassen haben. Sie haben uns berührt, durchgeschüttelt, aufgeweckt und verdienen es – damals wie heute – auf der grossen Leinwand zugänglich gemacht zu werden: We proudly present: RE-LOVED – drei unvergessliche Filme vergangener Festivalausgaben.

    Im Anschluss: Gespräch mit den Filmemachern und Darstellern

  2. 13:30
    Tapis Rouge
    F/d 90' | Schweiz 2014 | Fred Balif, Kantarama Gahgiri | Spielfilm

    Ein Sozialarbeiter trifft in einem Lausanner Vorort auf eine Gruppe Jugendlicher. Er hilft ihnen dabei ihre quirligen Ideen in ein Drehbuch umzusetzen und er unternimmt alles Menschen-mögliche um ihren ehrgeizigen Traum, einen Produzenten für ihr Filmprojekt zu gewinnen, wahr werden zu lassen. Ein unterhaltsames und rührendes Roadmovie in Richtung Filmfestspiele von Cannes, das alle Gewissheiten eines Sozialarbeiters und einer Gruppe orientierungsloser junger Leute in Frage stellt. Auf der Reise lernt man die Jugendlichen und ihre Hintergründe kennen und wird Zeuge von männlicher Unsicherheit sowie hinter Cool- ness versteckten Talenten. Die Filmemacher durchleuchten das komplexe Thema Migration und Jugend auf intelligente und humorvolle Weise.

    Im Anschluss: Gespräch mit den Filmemachern und Darstellern

  3. 19:00
    Earth's Golden Playground
    E/df 106' | Österreich, Kanada | Andreas Horvath | Dok

    In den Vereinigten Staaten fiel der Goldrausch in die Zeit einer Wirtschaftskrise, weshalb zahllose Menschen ihr Glück am Klondike suchten. Nachdem vielerorts wieder härtere Zeiten angebrochen sind, ist dies heutzutage erneut der Fall: Andreas Horvaths Film lässt hartnäckig miterleben, wie neben den finanzkräftigen Gesellschaften zähe Bergmänner mit Kleinunternehmern konkurrieren. Sie alle sind besessen von der Suche nach der sagenhaften Mutterader, der sogenannten «Mother Lode». Es ist die angeblich immer noch im Untergrund verborgene Quelle des Goldschatzes, an die man trotz Ausbeutung über Dekaden unerschütterlich glaubt. Einzelkämpfer hacken und schaufeln sich für eine Handvoll Dollar ins harte Erdreich, bis die Tiefe sie zu verschlucken droht. Bagger reissen Gräben auf, zerwühlen die Flussufer, schlagen Risse in halsbrecherische Steilwände. Und die Erträge? Sie sind kärglich, man rechnet ein Gramm Gold auf eine Tonne Steine und Geröll, das in mühseliger Handarbeit ausgewaschen wird.

    Der Österreicher Horvath hat seine Kamera beobachtend auf dieses far country gerichtet, porträtiert Krampf und Erschöpfung der Männer, deren Gesichter immer mehr den Runen ähneln, die sie auf der Jagd nach der goldenen Beute in die Landschaft schlagen. (Rolf Niederer, Semaine de la Critique)

    Im Anschluss: Gespräch mit James Nichol, Anwalt der betroffenen Familien, Moderation: Daniel Puntas Bernet, Chefredaktor «Reportagen»

  4. 21:30
    Concerning Violence
    OV/e 85' | Schweden, USA, Dänemark | Göran Hugo Olsson | Essayfilm

    «Come, comrades, the European game is finally over, we must look for something else. We can do anything today provided we do not ape Europe, provided we are not obsessed with catching up with Europe. Europe has gained such a mad and reckless momentum that it has lost control and reason and is heading at dizzying speed towards the brink from which we would be advised to remove ourselves as quickly as possible.» Frantz Fanon, aus «The Wretched of the Earth», 1961.

    Auf der Grundlage von Frantz Fanons berühmten Buch «Die Verdammten dieser Erde» erzählt diese essayistische Doku-Meditation von den Aufständen, die zur Entkolonialisierung Afrikas führen sollten. Olsson montiert kunstvoll Archivmaterial, das schwedische Dokumentarfilmer und Fernsehjournalisten zwischen 1966 und 1984 in Afrika aufgenommen haben. Sie bezeugen in neun Kapiteln die afrikanische Revolution: von der Befreiungsbewegung in Angola, dem Frelimo in Mozambique bis hin zum Unabhängigkeitskampf in Guinea-Bissau. Die Musikerin Ms Lauryn Hill erweckt mit ihrer unverkennbaren Stimme die polarisierenden Texte Fanons zum Leben und schafft einen rhythmischen Klangteppich, der das Bildmaterial strukturiert und kommentiert. Der Film entlarvt gnadenlos (post-)koloniale Mechanismen und zollt Fanons komplexen theoretischen Gedankenwelt Tribut. (slb)

12. Dezember 2015
  1. 12:00
    Stories of our Lives
    E/OV/d 60' | Kenia 2014 | Jim Chuchu | Spielfilm

    Mehrere Monate zogen Mitglieder des multidisziplinären Kunstkollektivs The NEST durch Kenia und sammelten Geschichten von jungen LGBTI (Lesbian, Gay, Bisexuel, Trangender, Intersexual) und von ihren Erfahrungen im Alltag des sehr homophob geprägten Land. Aus unzähligen anonymen Interviews entwickelte das Kollektiv fünf Drehbücher für Kurzfilme, die einen Überblick über die gegenwärtige Situation und die Probleme der sexuell marginalisierten Jugendlichen liefern. In kurzen, schnörkellosen Szenen, klaren, poetischen Schwarz-Weiss-Bildern und ruhigen Tönen inszeniert Jim Chuchu die Episoden, die unterschiedliche Themen wie Selbstfindung und Selbstbestimmung, Zwangsheterosexualisierung und Akzeptanz behandeln, eines jedoch gemeinsam haben: Alle erzählen vom Verlangen nach Liebe und der Angst davor, diese öffentlich zu leben. Eine Angst, die immer wieder zu der Frage führt, ob es besser ist, sich zu verstecken, zu resignieren und das Land zu verlassen oder zu bleiben und offen für sexuelle Vielfalt zu kämpfen. Trotz des Verbots, ihren Film in Kenia öffentlich zu zeigen, haben sich die The NEST-Mitglieder für Letzteres entschieden und führen den Kampf um Anerkennung weiter. (Text: Katalog Berlinale)

    Im Anschluss Panel zu East African Gay Rights in Zusammenarbeit mit Queeramnesty Schweiz.

  2. 17:00
    Charlie's Country
    OV/e 108' | Australien 2014 | Rolf de Heer | Spielfilm

    Charlie ist nicht mehr der Jüngste und sein Körper hat auch schon bessere Zeiten gesehen. Aufgewachsen ist er mit den traditionellen Werten der Aborigines im Norden Australiens. Doch die Regierung und die australischen Sittenwächter setzten immer mehr Einschränkungen durch und zwingen den Aborigines in der dörflichen Kommune ihre «modernen» Paradigmen auf. Charlie will nicht in Sozialbauten hausen und zieht sich in den Wald zurück, um wieder von der Jagd und im Einklang mit der Natur leben zu können. Sehr zum Ärgernis der Autoritäten. Sie sehen es als ihre Pflicht, Charlies selbstgebastelten Speer zu konfiszieren, denn ein Aborigine darf keine Waffen tragen. Charlie macht sich auf, in den Weiten Australiens nach anderen Leidensgenossen zu suchen. Doch auch hier trifft er auf eine aus den Fugen geratene Welt, wo depressive, alkoholisierte Aborigines auf Schritt und Tritt von den weissen Behörden kontrolliert werden. De Heers poetischer Film zeigt eindrücklich, wie die Lebenswelten von Australiens Ureinwohner immer mehr beschnitten werden und ihre Identität sukzessive zerrüttet wird. Das zerfurchte Gesicht des grandiosen Hauptdarstellers David Gulpilil vermag das komplexe emotionale Spektrum von schalkhaftem Humor bis hin zur tobenden Verzweiflung vollends auszuloten. Zu Recht wurde er in Cannes mit dem Darstellerpreis ausgezeichnet. (slb)

    Im Anschluss Apéro im Filmpodium Foyer, offeriert von Human Rights Watch.

13. Dezember 2015
  1. 11:00
    Censored Voices
    OV/e 84' | Israel, Deutschland | Mor Loushy | Dok

    Der «Sechs-Tage-Krieg» endete für die Israelis in einem militärischen Triumph, für die arabischen Parteien hingegen mit Gebietsverlust und in einem bis heute nicht überwundenen Trauma. Kurz nach Kriegsende 1967 machten sich ein paar Journalisten – darunter auch der bekannte Schriftsteller Amos Oz – auf, um die rückkehrenden Soldaten zu interviewen. Teile von diesem Material wurden zum Bestseller-Buch «The Seventh Day: Soldier’s Talk about the Six-Day War» verarbeitet. Die Tonaufnahmen aber wurden von der israelischen Regierung und dem Militär praktisch vollständig unter Verschluss gehalten, um den heroischen Mythos des «Verteidigungskrieges» nicht zu gefährden. Die längst hinfällige Dekonstruktion übernimmt nun die Filmemacherin Mor Loushy mit ihrer erhellenden Montage von Archivmaterial und eben diesen zensurierten Tonaufnahmen, verwoben mit Aussagen der damaligen Soldaten, die heute oftmals kritisch auf das Erlebte zurückblicken. Sie lässt die Männer den Stimmen ihrer jugendlichen Ichs zuhören und inszeniert sie unaufgeregt in ihrer Sprachlosigkeit. Damit gelingt Loushy ein faszinierendes Zeitdokument, das durch die Sezierung der Vergangenheit auch die Psychostruktur von Israels Gegenwart beleuchtet. (slb)

    Im Anschluss Gespräch mit Daniel Sivan, Produzent/Cutter/ Drehbuchautor
    Moderation: Sascha Lara Bleuler

  2. 16:30
    Red Lines
    OV/e 99' | USA 2014 | Oliver Lukacs | Dok

    2011 wird aus Protesten gegen den syrischen Präsidenten Bashar al-Assad ein gewaltsamer Bürgerkrieg zwischen dem Regime und den Oppositionellen, welche alsbald infiltriert werden von extremistischen Gruppen. Die Welt und insbesondere Barak Obama versprechen einzugreifen, falls Assad gewisse «Red Lines», wie den Einsatz von chemischen Waffen gegen die Zivilbevölkerung, überschreitet. Er tut es, doch das Chaos innerhalb der Widerstandskämpfer dient als Entschuldigung, sich trotz des riesigen Ausmasses der humanitären Krise zurückzuhalten. Amerika und die Welt warten ab, während immer mehr Syrer flüchten, in Angst leben, sterben.

    Der Film folgt zwei charismatischen Oppositionellen: Der im Exil lebenden Aktivistin Razan Shalab al-Sham und dem international vernetzten Lobbyisten Mouaz Moustafa. Die beiden kommen aus gesellschaftlich gegensätzlichen Schichten und spannen zusammen, um ihre Landsleute im Kampf gegen das Assad-Regime zu unterstützen. Sie schmuggeln Medizin, Nahrungsmittel und Waffen für die «Free Syrian Army» und die «Syrian Emergency Task Force». Für Letztere lassen sie sogar eine Polizei-Uniform schneidern und errichten einen zivilen Gerichtssaal. Doch der Nebel des immer brutaleren Krieges verschleiert die Sicht und auch für Razan und Mouaz wird es immer schwieriger zu wissen, wem sie vertrauen können. Das geschmuggelte Material gerät öfters in falsche Hände und der Traum eines freien, demokratischen Syriens rückt wieder in die Unschärfe einer ungewissen Zukunft. (slb)

    Im Anschluss Skype-Gespräch mit der syrischen Oppositionellen Razan Shalab al-Sham.

    Moderation: Emanuel Schäublin (Nahost-Experte)

  3. 20:40
    Der Junge Siyar
    OV/d 105' | Norwegen, DE 2014 | Hisham Zaman | Spielfilm

    Der Teenager Siyar lebt in einem kleinen kurdischen Dorf im Nordirak. Seit dem Tod seines Vaters muss er als Familienoberhaupt die Entscheidungen treffen. Als seine ältere Schwester einen Mann heiraten soll, verschwindet sie kurz vor der Heirat. Siyar muss das Ansehen seiner Familie retten und begibt sich auf der Suche nach seiner Schwester auf eine abenteuerliche Odyssee durch Europa. In Istanbul lernt er das Straßenmädchen Evin kennen und nimmt sie auf seine Reise mit. Langsam beginnt er, an seiner Mission zu zweifeln. Spannend wie ein Thriller thematisiert der Film die Herausforderungen der jungen Menschen in traditionellen Gesellschaften. Der erste lange Spielfilm des in Norwegen lebenden kurdischen Regisseurs Hisham Zaman erhielt mehrere internationale Preise.

    Begrüssung durch einen Vertreter des EDA.